Die Uschi

Die Uschi – Durch die Welt ins Uschiversum

Ein Porträt
„Kinners, ich sach es Euch: Die Welt ist nicht genug!“ Uschi reiste durch die Welt  tagsuber Friseurin, nachts Glamour-Girl. Sie lernte, was bei diesem Handwerk und der Dienstleistung wichtig ist: Herausfinden, wie der Kunde wirken möchte, was zu ihm passt und sich dabei als Friseur zurückzunehmen. Aber Uschi kann sich nur schwer zügeln – nun lässt sie also im Uschiversum für sich arbeiten und das ist gut so.

Engelslöckchen, rote Lippen, rosige Wangen und zierliche Nase; knallrote Fingernägel und ein voll Pailletten glänzendes Kleid, das noch nicht viel zu kurz ist. Darunter ein gut sichtbarer Bauchansatz. Uschi ist bunt, fällt auf, kann laut sein. Dabei wirkt all das bei ihr nie unangenehm, nicht aufgesetzt. Authentisch wäre wohl etwas zu hoch gegriffen. Jedoch scheint sie alles genau so zu wollen. Und das macht Uschi interessant, lässt sie wunderbar glänzen. So sah ich sie am ersten Geburtstag ihres eigenen Friseur-Ladens in der Städelstraße in Frankfurt-Sachsenhausen.

Doch von Anfang:
Aufgewachsen ist Uschi im Frankfurter Umland. Die Mutter war Friseurmeisterin, der Vater führte einen angesagten Nachtclub mit Kleinkunstbühne. Eine kurze aber heftige Affäre mit ihrem Schulleiter veranlasste Uschi, sich nach der neunten Klasse von der Schule zu verabschieden und Arbeit zu suchen. Schon seit der Kindheit machte sie sich gerne schick und versuchte ihrem Äußeren noch ein gewisses Mehr an Klasse zu verpassen. Das schien ihr bis dahin gut zu gelingen, was jedenfalls aus einem regen Interesse der Jungs und Männer zu schließen ist. Wäre es Uschis Traum gewesen, sie hätte sicher eines der sehr guten Bond-Girls werden können. Doch sie wollte die Welt auf eine andere Weise verbessern. Nichts schien ihr so passend wie die Arbeit als Friseurin.
Im Salon Tani Hair in der Frankfurter Fressgasse begann ihr Arbeitsleben. Sie lernte das Schneiden und Färben, das Hochstecken und all die anderen grundlegenden Techniken, um die Wünsche ihrer Kunden zu erfüllen. Sie übte sich in den Fertigkeiten dieses Handwerks und liebte dabei vor allem die Menschen und deren manchmal schlüpfrigen Geschichten aus aller Welt. Schon gegen Ende ihrer Ausbildungszeit hatte Uschi einen Grad an Bekanntheit und Beliebtheit erreicht, der seinesgleichen sucht. Und Uschi genoss das Aufsehen. Doch je mehr sie von der Welt erfuhr, desto größer wurde der Drang, all das selbst zu entdecken. Sie wusste, Haare werden überall geschnitten
und die Menschen wollen überall verwöhnt werden. Sie wollte die Welt kennenlernen und wie sich herausstellte: Auch die Welt wollte Uschi kennenlernen.

Bekannter als Jesus?
Für fernere Ziele nahm Uschi noch etwas Anlauf in Deutschland. Sie lebte in München, Karlsruhe, Gießen und Berlin. Sie tat, was sie liebte: schneiden und feiern. Und immer war sie offen für Neues, lernte dazu. Eine mehrwöchige und intensive Weiterbildung im Massage-Studio Lotus in Berlin Mitte verleitete die Männerwelt dazu, Uschis Fertigkeiten auf göttliche Ebene zu stellen. Bekannter als Jesus? Das war bei den Beatles und ist bei der Uschi natürlich überzogen. Doch sie war in aller Munde, was wohl vor allem an einem wichtigen Punkt lag: Uschi machte ihre Kunden glücklich.
Sie massierte sich buchstäblich ihre zarten Finger wund, hätte Tag und Nacht arbeiten können, und dennoch musste sie zahllose Kunden abweisen. Nein sagen, das mochte Uschi nie und so beschloss sie weiterzuziehen.
Uschi flog nach Dublin. Das Wetter war kratzig, doch die Kleider wurden kürzer, die Frisuren gewagter, die Männer scheinbar noch lüsterner, die Nächte länger und die Tage anstrengender.
„Raues Wetter und harte Drinks – ein Gedicht“, erinnert sich Uschi Jahre nach ihrem Aufenthalt in Irland. Die viele Arbeit in Berlin schürte das Verlangen in ihr, sich auszutoben, was sie in jeglicher Hinsicht umsetzte. Das Zauberwort war „durch“: Tagsüber wurde durchgeschnitten, die Nächte waren durchgepeitschter denn je – durch und durch eine versaute Zeit. „Ich liebe diese kantigen, irischen Boys. Aber Kerle, Kerle! Was sind die anhänglich und schrecklich nachtragend. So viele Raufereien nur wegen mir, das hält die stärkste Frau net aus. Ich hab‘ gesagt, Kinners, macht euch doch bitte net bockich wegen mir.“ Uschi brauchte Urlaub.
„Wer bei mir auf dem Stuhl saß, den hab‘ ich mir richtig hübsch gemacht“ Ihr Chef des Salons Brown Sugar brachte nur ein bedingtes Verständnis für den Wunsch nach einem sofortigen und unbefristeten Urlaub auf. Schließlich schickte er sie aber mit einer herzlichen Umarmung, einem ungewöhnlich lange dauernden Kuss und der Kündigung davon. Uschi fuhr geradewegs an den Flughafen. Im Flieger nach Vancouver war noch Platz und Uschi also auf dem Weg nach Kanada. Das Wetter war auch dort rau, die Drinks ebenso hart und die scheinbar unzähligen Eishockey spielenden Kerle waren noch entzückender und nicht ansatzweise so anhänglich. Im Salon Rain in Granville Island fand Uschi einen neuen Arbeitgeber. „Ich fühlte mich pudelwohl und einfach frei.“ Sie gewann eine zuvor unbekannte Freude am Experimentieren. Ihre Haare ließ sie sich kurz schneiden und verkleidete sich für die nächtlichen Exzesse ab und zu als Mann. Damit wollte sie nicht provozieren, sondern sich und die Menschen ausprobieren; sie wollte
kreativ sein, Möglichkeiten ausloten. Ebendiesen Spieltrieb lebte Uschi auch auf den Köpfen ihrer Kunden aus: „Wer bei mir auf dem Stuhl saß, den hab‘ ich mir richtig hübsch gemacht. – Leider sahen das die Kunden nicht immer genauso. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass man sich als Friseur zurücknehmen muss. Das war grausam für mich.“
„Ich konnte und wollte mich einfach nicht zügeln“ Mit dieser Lehre im Gepäck folgten Chengdu in China und London. Uschis Faszination am kreativen Ausleben und Ausprobieren war jedoch geblieben und sie merkte, dass das für sie nicht
weiterhin mit ihrer Arbeit als Friseurin zu vereinbaren ist: „Ich konnte und wollte mich einfach nicht zügeln. Und so traf ich eine der schwersten und wie ich später erfahren sollte eine der besten Entscheidungen meines jungen Lebens: Ich gab das Haare Schneiden auf.“ Uschi ließ sich treiben.
Des Geldes wegen musste sie schon seit ihrer Berliner Zeit nicht mehr arbeiten. „Damals waren die Männer oft so dankbar, dass sie beim Bezahlen scheinbar ihren Verstand auf dem Massage-Stuhl verloren hatten.“

Der Urknall
Uschi hätte also ihre Zeit in vollen Zügen genießen können. Die Menschen zu verwöhnen und ihnen etwas Schönes zu tun, das vermisste sie jedoch sehr. Bei einem Besuch in ihrer hessischen Heimat
lernte sie im Robert Johnson bei einer Technoparty Stefan und Sascha kennen. Sie waren selbst seit vielen Jahren Friseure und teilten etliche von Uschis Erfahrungen. Die Nacht ging vorüber, der Tag kam, der Club wurde gewechselt, dann noch einmal gewechselt, anstoßen, trinken – eine Freundschaft und eine für die drei alles verändernde Idee waren geboren. Vielleicht war es den zahlreichen Getränken geschuldet, vielleicht der bewusstseinserweiternden Musik? Uschi, Sascha und Stefan hatten in diesem Rausch etwas gesehen: Das Uschiversum. Ein bisschen Geld von Uschi, viel Arbeit von Stefan und Sascha, Ideen von allen; mehr bedarf es offenbar nicht für einen Urknall: Das Uschiversum war geboren. Dort ist ein Raum der Begegnung, welcher von Künstlern regelmäßig umgestaltet wird. Uschi erklärt: „Wir machen doch alle ständig neue Bekanntschaften. Wir verändern uns und die Welt um uns herum verändert sich. All das passiert in diesem kleinen Raum mit seinen wunderbar großen Fenstern.“ Eine Ebene höher befinden sich die Stühle vor den Spiegeln, in einem Nebenraum eine Massage-Liege. Uschi wusste, die eine Welt ist ihr nicht genug – also schuf sie sich einfach eine eigene. Dort arbeiten nun für sie der Stefan und Sascha, die Aicha und Oksana. Sie betreiben im Uschiversum ihr Handwerk. Die Uschi steht für all das mit ihrem Namen und freut sich darüber, dass in ihrem Sinne die Menschen verwöhnt werden. Man kann sagen, das Uschiversum ist nur ein Friseur-Laden. Man kann sagen, Uschi wäre doch lieber Bond-Girl geworden. Man kann sagen, John Lennon war nur ein größenwahnsinniger Musiker, der sich mit Jesus verglich. Das kann man alles sagen. Aber ich tue das nicht.